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Unser Blog: KULTURSUITE

Plakat Schlüssel zur Kultur _Foto Arndt BeckPlakat Schlüssel zur Kultur _Foto Arndt BeckPlakat Schlüssel zur Kultur _Foto Arndt BeckPlakat Schlüssel zur Kultur _Foto Arndt Beck

Auf dem Blog KULTURSUITE kommen seit Oktober 2013 die kulturellen und sozialen Partnereinrichtungen von KulturLeben Berlin persönlich zu Wort. Der Blog bietet unseren Partnern eine öffentliche Plattform, auf der sie ihr Haus oder ihre Einrichtung vorstellen und sich zu Themen wie kulturelle und soziale Teilhabe,  oder den aktuellen Herausforderungen ihrer Arbeit äußern können. Auf KULTURSUITE berichtet KulturLeben Berlin regelmäßig auch über die eigene Arbeit und nimmt Stellung zu aktuellen kultur- und gesellschaftspolitischen Entwicklungen.

Nach dem Relaunch unserer Internetseite finden Sie KULTURSUITE künftig direkt hier auf unserer Internetseite.

Lesen Sie als Eröffnungsbeitrag ein exklusives Interview mit Tim Sandweg, dem neuen künstlerischen Leiter der Schaubude Berlin.

Die Schaubude Berlin hat sich seit der Gründung 1993 zu einer zentralen Plattform des zeitgenössischen Puppen-, Figuren- und Objekttheaters mit internationaler Wahrnehmung entwickelt.  Seit 2010 ist das Theater Partner von KulturLeben Berlin.


INTERVIEW MIT TIM SANDWEG
Künstlerischer Leiter SCHAUBUDE BERLIN

 

TimSandweg_Foto_DanielMGWeiss

Tim Sandweg_Foto: Daniel M.G.  Weiss

Steckbrief

Name und Sitz: Schaubude Berlin, Greifswalder Straße 81-84, 10405 Berlin
Homepage: www.schaubude-berlin.de
Gründung: 1993
Genre: Puppen-, Figuren- und Objekttheater
Kooperation mit KulturLeben Berlin: von Anfang an

Persönliches kulturelles Highlight 2015 in Berlin?:
In unserem Haus war mein persönliches Highlight im vergangenen Jahr unsere Spielzeiteröffnung „Meeting Point“, die gleichzeitig mein Einstand als Künstlerischer Leiter der Schaubude war und Gastspiele aus Polen, Belgien und Deutschland zeigte. Ein Höhepunkt kultureller Natur außerhalb unserer Wände war aus meiner Sicht aber auch die (Medien-)Resonanz auf die Kunstaktion „Die Toten kommen“ vom Zentrum für Politische Schönheit.

 


Interview

Laut der UNESCO ist kulturelle Teilhabe ein Menschenrecht. Welche Aufgabe erfüllen Kultur und kulturelle Teilhabe Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft?
Hat Kultur eine Aufgabe? Ich halte Kultur in ihrer Gesamtheit betrachtet nicht für ein intentionales Phänomen, was natürlich nicht heißt, dass Teile, die sich unter diesem Begriff subsumieren lassen, nicht auch Aufgaben erfüllen können oder sogar erfüllen sollten. Nehmen wir die Kunst, den Bereich der Kultur, für den ich mich zuständig fühle, und der im zweiten Satzteil des 27. Artikels der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in dem das Recht, sich an den Künsten zu erfreuen, einem jeden zugesprochen wird, benannt ist: Was ist die Aufgabe von Kunst in unserer Gesellschaft? Mehrere Jahre hing an meinem Kühlschrank ein Zettel mit einem Aphorismus aus Theodor W. Adornos „Minima Moralia“: „Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen.“ Sicherlich ist der soziale und normative, auch der ideologische Kontext heute ein anderer, als zu der Zeit, in der dieser Satz geschrieben wurde. Was ich an ihm aber so treffsicher finde, ist, dass er von einer Bewegung, genauer: von einem In-Bewegung-Kommen spricht. Starre Ordnung wird durch Chaos ins Wanken gebracht. Das ist letztlich immer meine Hoffnung, dass Kunst den Rezipienten im doppelten Wortsinn bewegt. Wenn wir von Teilhabe sprechen, müssen wir aber nicht zwangsweise nur fragen, wie man an bereits existierenden künstlerischen Arbeiten teilhaben kann (und sich dann hoffentlich bewegen lässt). Gleichsam sollte es natürlich auch jedem Menschen freistehen, selbst künstlerisch tätig zu werden und auch in diesem Sinne Teilhabe auszuüben. Und schließlich ist Kunst ja, wie alle anderen kulturellen Phänomene auch, keine Einheit mit starren Grenzen. Künstlerische Techniken und Äußerungen können, das haben ja verschiedene Projekte des letzten Jahrhunderts gezeigt, durchaus auch Teilhabe am gesellschaftlichen Gestalten ermöglichen.

Wird Kultur in Deutschland oder speziell Berlin dieser Rolle gerecht?
Zunächst zur Kunst selber: Auf diese bezogen möchte ich die Frage mit kulturpolitischem Blick beantworten. Mir scheint, dass es kulturpolitische und ökonomische Strukturen gibt, die der Kunst eine andere Aufgabe zusprechen, als die hier zuvor benannte, und dass künstlerische Institutionen diese zumindest in Teilen übernommen haben – eine Einschätzung, die sich nach fünf Jahren Beobachtung der Kulturpolitik Sachsen-Anhalts, wo ich zuvor gearbeitet habe, verfestigt hat. Nur zwei kleine Beispiele dafür: In Gesprächen unter Kollegen, und da schließe ich mich nicht aus, wie es denn dem eigenen Haus gehe, wird vor allem über strukturelle Faktoren, insbesondere Auslastungszahlen, gesprochen, genauso wie Argumentationen für Kunst immer öfter mit dem beantwortet werden, wofür Kunst alles gut sein soll (für den Tourismus, für den Lernfortschritt von Schüler*innen und diverse weitere weiche Faktoren). Um Kunst geht es in diesem Gespräche eher selten. Seltsam, oder?

Das soll aber nicht heißen, und da kommen wir zu der Beantwortung, wie es denn um die Ermöglichung kultureller Teilhabe in Berlin steht, dass wir uns jetzt zurücklehnen sollten und nichts unternehmen müssten, um Bewusstsein für kulturelle Inhalte zu entwickeln. Das scheinen mir im Kunstbereich viele Institutionen verstanden zu haben (und ich hoffe, dass sie dies nicht nur aus wirtschaftlichen Erwägungen machen, damit auch in 10 Jahren noch Publikum kommt). Daneben gibt es gerade in Berlin großartige Projekte von freien Trägern, Vereinen, Einzelpersonen, die zeigen, dass es gleichermaßen möglich ist, kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe mit künstlerischen Mitteln zu ermöglichen.

Ich bin mit Blick auf unser Haus sehr froh, dass wir eine Theaterpädagogin haben, die sowohl Kinder als auch Erwachsene an unsere Kunstform heranführt, wie auch in konkreten Projekten die Potenziale des Spiels mit Material, einen eigenen Ausdruck zu finden, vermittelt. Ich denke, dass gerade Figuren- und Objekttheater durch seine Tendenz über Bilder und nicht über Text zu erzählen, in einer Zeit, in der immer mehr Menschen nach Deutschland kommen, denen soziale Teilhabe aufgrund von Sprachgrenzen erschwert wird, ein wichtiges künstlerisches Medium sein kann.

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Schaubude Berlin_Foto_Schaubude Berlin

Vor welchen Herausforderungen stehen die Kulturbetriebe in Berlin? Wie leicht oder schwer ist es heute in Berlin Kultur zu machen? Spürt Ihr Haus Veränderungen?
Man ist ja geneigt, solche Fragen in erster Linie mit einem Sujet zu beantworten: Geld. Bevor wir zu diesem, selbstredend nicht unwichtigen Punkt kommen, aber vielleicht ein paar andere Aspekte: Zum einen sehe ich gerade, dass viele Kultureinrichtungen sich den Flüchtlingen annehmen. Das finde ich großartig und ich hoffe sehr, dass das Engagement nicht nach der typischen ersten Hype-Welle wieder abflaut, sondern sich hier eine Nachhaltigkeit entwickelt, von der beide Seiten hoffentlich profitieren können. Denn die Herausforderung, sehr viele neu angekommene Menschen in Berlin zu integrieren (und nicht bloß kurzfristig vor der Langeweile, die in den Unterkünften lauert, zu retten), ist eine gesamtgesellschaftliche und damit auch eine, der sich Kulturbetriebe stellen müssen.

Gleichzeitig frage ich mich aber auch, wie wir als Kultureinrichtungen, die ja in unserem Land in besonderem Maße aus der Tradition des Humanismus entstanden sind, auch Menschen ansprechen können, die die Umwälzungen in einer globalisierten Welt beunruhigen. Das halte ich für eine besonders schwierige Frage. Schließlich bin ich der Auffassung, dass die Digitalisierung der Gesellschaft in unterschiedlicher Weise den Kunstbetrieb beeinflussen wird. Die Herausforderung, Potenzial von Unsinn zu trennen, kommt auf uns zu – und wird nicht nur in Marketingabteilungen vorbeischauen, sondern an die Grundsubstanz gehen. Ich bin da für unser Genre aber ganz zuversichtlich und ziemlich sicher, dass Figurentheater für eine Zukunft, in der digitale Geräte immer mehr Partner des Menschen werden, die richtigen Antworten hat.

Aber natürlich auch zurück zum eingangs benannten Thema Geld. Gerade die Freie Szene, aus deren Produktionen sich ja auch im Wesentlichen unser Programm speist, hat in den vergangenen Jahren enorme Entwicklungen vollzogen. Einerseits hat sie sich in ihren Strukturen, auch denen der Lobbyarbeit, professionalisiert, etabliert und immer wieder das ungeheure kreative Potenzial unter Beweis stellen können. Dahingehend ist natürlich ein Doppelhaushalt, der die Freie Szene deutlich bedenkt, sehr zu begrüßen. Andererseits ist der Konkurrenzdruck extrem hoch in einer Stadt, die unglaublich viele Künstler*innen beheimatet. Der Kampf um Gagen, Fördermittel, Publikum, Spielstätten, Räume, Tourtermine, Festivaleinladungen usw. ist alltäglich, der Produktionsdruck ist enorm. Angesichts dessen kann der neue Doppelhaushalt wiederum nur ein Mosaikstein sein.


Schließlich zu unserem Haus: Natürlich merken auch wir diesen stetigen Kampf. Unser Haushalt ist mehr als begrenzt und ist in den letzten Jahren nicht gestiegen, obwohl die Anforderungen an eine Spielstätte immer größer und die Spielpläne umfangreicher werden – da müssen wir dann auch sagen, dass irgendwann das Limit erreicht ist, obgleich die kreativen Potenziale noch nicht ausgeschöpft sind. Und auch wir spielen mit im Spiel um Fördermittel, versuchen Ideen in Richtlinien zu verpacken und verwenden viel Energie darauf, die Mittel für unsere Projekte und Festivals einzuwerben – und wenn wir sie nicht akquirieren können, können diese eben auch nicht stattfinden.

Was wünschen Sie sich für Ihr Haus und die Kulturlandschaft in Berlin?
Für unser Haus wünsche ich mir natürlich, dass die Figurentheaterschaffenden aus Berlin, aus Deutschland und aus dem Ausland uns weiter treu bleiben und ihre Arbeiten bei uns zeigen wollen oder unseren Einladungen folgen. Insbesondere hoffe ich natürlich, dass wir immer mehr Menschen für diese Kunstform, die uns am Herzen liegt, begeistern können. Und nicht zuletzt wünsche ich mir, dass wir es schaffen, mit unserem Programm kleine Impulse auszusenden.
Für die Kulturlandschaft Berlins wünsche ich mir, dass sie in ihrer Fülle lebendig bleibt und dass dafür die Voraussetzungen immer weiter entwickelt werden. Denn das ist schließlich das, was diese Stadt auszeichnet.

Welche Beweggründe haben Sie für Ihre Kooperation mit KulturLeben Berlin?
Die SCHAUBUDE ist von Anfang an Kooperationspartner von KulturLeben, weil uns der solidarische Gedanke und die Teilhabe der Gemeinschaft neben der Förderung der Puppenspielkunst am Herzen liegen.

Ihr persönlicher Geheimtipp in Sachen Berliner Kultur
Natürlich könnte ich jetzt schreiben, dass das Figurentheater und damit auch unser Theater immer noch eine Art Geheimtipp sind. Lieber möchte ich an dieser Stelle aber auf einen Kulturort hinweisen, den ich vor kurzem kennen gelernt habe: Das ehemalige Krematorium Wedding, ein wunderschönes, denkmalgeschütztes Gelände, ist mittlerweile zum Kulturort „Silent Green“ geworden. In der Kuppelhalle finden regelmäßig Ausstellungen, Konzerte, Filme etc. statt und es gibt eine gute Kantine. Außerdem sind in den Seitenflügeln diverse Unternehmen der Kreativwirtschaft untergebracht.

Herzlichen Dank für das Interview!

Weitere Informationen zur SCHAUBUDE BERLIN finden Sie auf:  www.schaubude-berlin.de

Hören Sie auch die Radioreportage von Katharina Höhne zur Partnerschaft zwischen KulturLeben Berlin (im Beitrag noch unter altem Namen) und der SCHAUBUDE BERLIN  in unserem Medienecho nach. Der Hörfunkbeitrag wurde 2013 in der Kindersendung KAKADU von Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt.



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